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Training · 9 Min. Lesezeit ·

Trainingsphilosophie Deutschland: Was der DFB-Ansatz für deinen Verein bedeutet

Freude, Intensität, Wiederholung – und viel mehr Spielen in kleinen Gruppen. Was hinter der Trainingsphilosophie des DFB steckt, warum sich ein Amateurverein daran orientieren sollte und wo die berechtigte Kritik liegt.

Balkendiagramm: Aktionen pro Kind in einer Einheit mit 32 Minuten Nettospielzeit. Im 3 gegen 3 rund 200 Ballaktionen, 100 Zweikämpfe und 25 Torschüsse, im 7 gegen 7 etwa 50 Ballaktionen, 30 Zweikämpfe und 5 Torschüsse.

Woher die Trainingsphilosophie kommt

Der deutsche Fußball hat schon einmal erlebt, dass eine Krise zur Reform führt. Nach dem Vorrunden-Aus bei der EM 2000 wurden Nachwuchsleistungszentren für Bundesligisten zur Lizenzpflicht, dazu kam ein bundesweites Netz aus DFB-Stützpunkten. Den Ertrag dieser Arbeit sah man vierzehn Jahre später beim WM-Titel in Brasilien.

Danach kamen wieder schwierige Jahre: Turnier-Aus 2018, 2021 und 2022, dazu die wiederkehrende Klage, es fehlten Mittelstürmer, Außenverteidiger und Spieler, die ein Eins-gegen-eins allein entscheiden. Der DFB reagierte ab 2019 mit dem „Projekt Zukunft“, gemeinsam mit DFL und Klubs. Seit 2023 verantwortet Hannes Wolf als Direktor Nachwuchs, Training und Entwicklung die inhaltliche Linie – die heutige „Trainingsphilosophie Deutschland“.

Die Diagnose: Vier Fehlentwicklungen

Am Anfang stand keine neue Idee, sondern eine Analyse. Das Kompetenzteam um Wolf – unter anderem mit Hermann Gerland, Sandro Wagner, Lars Bender und Lena Lotzen – benennt vier Entwicklungen, die die Ausbildung in Deutschland ausgebremst haben:

  • Profi-Belastungssteuerung im Nachwuchs: Methoden, die Profis frisch für das Wochenende halten sollen, wurden auf Jugendliche übertragen, die eigentlich möglichst viel spielen müssten, um sich zu entwickeln.
  • Taktik statt Basics: In Leistungszentren gingen nach DFB-Angaben rund 150 von 450 Trainingsminuten pro Woche in die Gegnervorbereitung. Die Weltmeister von 2014 wurden in der Jugend noch ganz ohne Gegneranalyse ausgebildet.
  • Der Blick nach oben: Der A-Jugend-Trainer kopiert die Profis, der B-Jugend-Trainer die A-Jugend – und am Ende trainieren Zwölfjährige wie Erwachsene.
  • Zu viele hören auf: In den älteren Jahrgängen werden auffällig viele Mannschaften abgemeldet, weil Jugendlichen die Freude verloren geht.

Der Kern: Fußball lernen durch Fußball spielen

Die Philosophie lässt sich auf drei Qualitätsmerkmale zurückführen, die jede Einheit erfüllen soll: Freude, Intensität und Wiederholung. Dahinter steht eine einfache Beobachtung. Spieler verbessern sich dort, wo sie oft am Ball sind, oft in Zweikämpfe gehen und oft aufs Tor schießen – und das passiert in kleinen Spielformen deutlich häufiger als in langen Schlangen vor einer Passstation.

Deshalb empfiehlt der DFB Spielformen vom 1-gegen-1 bis zum 4-gegen-4. Größere Gruppen werden auf mehrere kleine Felder verteilt, statt gemeinsam elf gegen elf auf dem Großfeld zu stehen. Spielphasen dauern wenige Minuten, dazwischen kurze Pausen. Die Trainerin oder der Trainer ermutigt zum Risiko: Ein verlorenes Dribbling gilt als Lernchance, nicht als Fehler.

Der DFB macht daraus eine messbare Größe: die Nettospielzeit, also die Minuten, in denen ein Spieler tatsächlich in einer Spielform steht – ohne Erklären, Umbauen und Warten. Von der U8 bis zur U16 sollen es mindestens 48 Minuten pro Woche sein, ab der U17 mindestens 32 Minuten.

Wichtig für die Einordnung: Das ist keine Vorschrift für das Training. Der DFB spricht ausdrücklich von Empfehlungen. Verbindlich sind nur die Spielformen im Wettbewerb der Kinder.

Die „beste Trainingseinheit“: 15 – 30 – 15 – 30

Besonders praktisch ist die Musterstruktur, die der DFB für 6- bis 18-Jährige vorschlägt – mindestens zweimal pro Woche. Sie passt in 90 Minuten und lässt sich ohne Umbau-Chaos organisieren:

  • Aktivierung (15 Minuten): Jedes Kind hat einen Ball, der Schwerpunkt liegt auf Dribbling und Finten, ergänzt durch Fangspiele. Dribbeln ist schwerer zu lernen als Passen – und wer einen Ball führt, steht nicht herum.
  • Spielen 1 (30 Minuten): Drei- bis viermal mindestens vier Minuten netto in kleinen Teams auf mehreren Feldern, etwa 3-gegen-3 mit Pausen von rund einer Minute. Varianten wie eine „Shot-Clock“, Anspieler außen oder Minitore halten die Form frisch.
  • Zwischenblock (15 Minuten): Technik in hoher Wiederholung – Ballmitnahme, Passen, Torschuss. In älteren Jahrgängen auch Positionstechnik wie Flanken und Kopfball, die in kleinen Spielformen seltener vorkommt.
  • Spielen 2 (30 Minuten): Wieder kleine Spielformen, diesmal mit anderen Provokationsregeln oder Organisationsformen.

Was im Kinderfußball schon Pflicht ist

Der DFB-Bundesjugendtag hat die neuen Spielformen im März 2022 beschlossen, nach einer Pilotphase in allen Landesverbänden. Seit der Saison 2024/25 sind sie bundesweit verbindlich. In der G-Jugend wird 2-gegen-2 oder 3-gegen-3 auf vier Minitore gespielt, in der F-Jugend 3-gegen-3 bis 5-gegen-5, jeweils mit Rotation und in Spielfesten statt klassischer Meisterschaftsrunden.

Ein verbreiteter Irrtum: Ergebnisse gibt es weiterhin. Wer gewinnt, steigt ein Feld auf, wer verliert, eins ab. Nur Tabellen über die ganze Saison fallen weg. In der E-Jugend ist das Bild uneinheitlich – je nach Landesverband gibt es 7-gegen-7-Ligen, Spielfeste oder beides. Welche Regeln für deinen Verein gelten, steht in den Durchführungsbestimmungen deines Landesverbands.

Warum sich ein Verein daran orientieren sollte

Für einen Amateurverein ist die DFB-Philosophie weniger ein Lehrbuch als ein gemeinsamer Bezugspunkt. Das bringt handfeste Vorteile:

  • Eine gemeinsame Sprache: Wenn alle Jugendtrainer unter „intensiv“ und „spielnah“ dasselbe verstehen, lassen sich Einheiten vergleichen, teilen und besprechen.
  • Ein roter Faden von der U7 aufwärts: Jede Altersstufe baut auf der vorherigen auf, statt dass jedes Jahr ein neuer Trainer bei null anfängt.
  • Unabhängigkeit von einzelnen Personen: Im Ehrenamt wechseln Trainer oft. Eine festgeschriebene Linie überdauert diese Wechsel.
  • Anschluss an den Spielbetrieb: Die Kinder spielen am Wochenende ohnehin in kleinen Formen. Wer unter der Woche anders trainiert, bereitet sie auf ein Spiel vor, das sie gar nicht spielen.
  • Kostenloses Material: DFB-Akademie und fussball.de bieten Übungen, Videos und fertige Einheiten nach Altersklasse. Das Kindertrainer-Zertifikat wird auf die C-Lizenz angerechnet.

Pro: Was für den Ansatz spricht

Das stärkste Argument ist die Zahl der Aktionen. Der DFB rechnet vor: In einer Einheit mit 32 Minuten Nettospielzeit kommt ein Kind im 3-gegen-3 auf rund 200 Ballaktionen, 100 Zweikämpfe und 25 Torschüsse – im 7-gegen-7 auf etwa 50 Ballaktionen, 30 Zweikämpfe und 5 Torschüsse. Hochgerechnet auf 100 Einheiten sind das 2.500 statt 500 Abschlüsse. Wer besser werden soll, muss die Aktion oft ausführen.

Dazu kommt die Spielzeit: Im Spielbetrieb der Kinder soll jedes Kind mindestens drei Viertel der Zeit auf dem Feld stehen, niemand verbringt eine Halbzeit in der Abwehr, ohne den Ball zu berühren.

Auch aus Leistungszentren kommt Zuspruch. Der Nachwuchs des FC St. Pauli etwa argumentierte, kleine Spielformen brächten am Ende die leistungsorientierteren und besseren Fußballer hervor. Und für Amateurvereine besonders relevant: Mehr Spielzeit für alle hält Kinder länger im Verein. Wer nur am Rand steht, hört mit zwölf auf.

Contra: Wo die Kritik berechtigt ist

Die Reform hatte von Anfang an prominente Gegner. Hans-Joachim Watzke, damals DFB-Vizepräsident, kritisierte 2023 öffentlich, Kinder müssten auch das Verlieren lernen. Trainer wie Ralf Rangnick und Steffen Baumgart warnten, der Leistungsgedanke gehe verloren. Nach dem frühen WM-Aus 2026 kam die Debatte um Wettkampfhärte und Mentalität erneut auf. Ob die Reform tatsächlich bessere Spieler hervorbringt, lässt sich heute seriös nicht belegen – dafür ist sie schlicht zu jung.

Für Amateurvereine wiegen praktische Einwände schwerer als die Grundsatzdebatte:

  • Mehr Personal: Spielfeste und mehrere Kleinfelder brauchen mehr Betreuer als ein klassisches Spiel – im Ehrenamt oft der Engpass.
  • Material und Platz: Minitore kosten Geld, Kleinfelder brauchen Fläche, die sich mehrere Mannschaften teilen.
  • Uneinheitliche Regeln: Gerade in der E-Jugend unterscheiden sich die Bestimmungen je Verband, teils wurden sie kurzfristig geändert.
  • Gefahr der Beliebigkeit: Wer die DFB-Linie nur übernimmt, ohne sie auf den eigenen Verein zu übertragen, hat ein Papier, aber keine Philosophie. Das Profil des Vereins – etwa ein Fokus auf Talente aus dem Ort oder auf Breitensport – muss darin erkennbar bleiben.

So setzt du es im Verein um

Eine Vereinsphilosophie muss kein hundertseitiges Konzept sein. Für den Anfang genügt ein Rahmen, den alle Trainer kennen:

  • Ein Leitbild in drei bis fünf Sätzen formulieren – etwa „Alle Kinder spielen“ und „Ausbildung vor Ergebnis bis zur D-Jugend“.
  • Schwerpunkte je Altersstufe festlegen, angelehnt an die Spielformen: Dribbling und Torabschluss bei den Jüngsten, Zusammenspiel und erste Positionen später.
  • Die Struktur 15 – 30 – 15 – 30 als Standard für alle Jugendteams festlegen. Das spart Planungszeit und macht Einheiten zwischen Trainern austauschbar.
  • Jede Einheit an Freude, Intensität und Wiederholung messen – und an der Frage, die das DFB-Kompetenzteam allen Trainern mitgibt: Was trainieren wir heute nicht? Jede Minute Taktiktafel fehlt beim Spielen.
  • Die Nettospielzeit grob mitzählen: Kommt jeder Spieler in der Woche auf seine 48 bzw. 32 Minuten Spielform?
  • Einen Jugendkoordinator benennen, der neue Trainer einarbeitet und einmal im Jahr eine gemeinsame Fortbildung organisiert.
  • Einheiten und Übungen zentral ablegen, damit sie beim Trainerwechsel nicht mit dem alten Trainer verschwinden.
Nico Walter

Nico Walter

UEFA-B-Trainer und Gründer von Taqticlab. Mehr über mich

Vom Wissen zur Umsetzung

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