Belastungssteuerung im Amateurfußball: Was RPE und ACWR wirklich aussagen
Zwei Kennzahlen, die im Profibereich Standard sind – und die im Amateurbereich mit einem Blatt Papier funktionieren würden. Was dahintersteckt und wo die Grenzen liegen.

Das Problem: Belastung ist unsichtbar
Ein Trainer sieht, wer schnell läuft und wer nicht. Was er nicht sieht: wie anstrengend dieselbe Einheit für zwei verschiedene Spieler war. Der eine kommt aus dem Büro, der andere von der Baustelle. Der eine hat 22 Jahre und trainiert viermal die Woche, der andere ist 34 und war zwei Wochen krank.
Im Profibereich löst man das mit GPS-Westen und Laktatmessung. Im Amateurbereich gibt es dafür weder Budget noch Personal. Es gibt aber eine Methode, die seit Jahrzehnten erforscht ist und nichts kostet außer einer Frage nach dem Training.
RPE: Die Frage nach der Anstrengung
RPE steht für „Rate of Perceived Exertion“ – das subjektive Belastungsempfinden. Der Spieler bewertet nach der Einheit auf einer Skala von 1 bis 10, wie anstrengend sie für ihn war. Mehr nicht.
Der entscheidende Punkt: Diese Zahl ist erstaunlich aussagekräftig. Studien zeigen seit den 1990er Jahren, dass das subjektive Empfinden gut mit objektiven Belastungsmarkern zusammenhängt. Wichtig ist nur, dass die Abfrage etwa 20 bis 30 Minuten nach Ende der Einheit erfolgt – direkt danach überlagert die letzte Übung den Gesamteindruck.
Aus RPE und Dauer entsteht die eigentliche Kennzahl: die sRPE-Load. Ein Spieler, der eine 90-minütige Einheit mit 7 bewertet, hat eine Belastung von 630. Einer, der dieselbe Einheit mit 4 bewertet, kommt auf 360. Beide waren im selben Training – ihre Belastung unterscheidet sich um fast das Doppelte.
ACWR: Das Verhältnis von akut zu chronisch
Die zweite Kennzahl setzt die aktuelle Woche ins Verhältnis zu den letzten vier. Akute Belastung geteilt durch chronische Belastung – daher der Name Acute:Chronic Workload Ratio.
Die Idee dahinter ist einfach: Nicht hohe Belastung führt zu Verletzungen, sondern ungewohnte Belastung. Wer vier Wochen lang moderat trainiert hat und dann plötzlich das Doppelte macht, ist gefährdet. Wer dauerhaft hoch belastet ist, verträgt hohe Belastung besser.
Als Orientierung gilt ein Bereich zwischen etwa 0,8 und 1,3 als unauffällig. Deutlich darüber bedeutet: Die Belastung ist schneller gestiegen, als der Körper sich anpassen konnte. Deutlich darunter heißt, dass jemand gerade Form verliert – etwa nach einer Verletzung oder im Urlaub.
Wo die Grenzen liegen
ACWR ist in der Sportwissenschaft nicht unumstritten. Die Kritik richtet sich vor allem gegen die Vorstellung, es gebe eine feste Schwelle, ab der Verletzungen wahrscheinlich werden. Es gibt keine solche Grenze, und wer eine Zahl als Ampel behandelt, überinterpretiert sie.
Was die Kennzahl leisten kann, ist etwas anderes: Sie macht Sprünge sichtbar. Ein Spieler, der drei Wochen gefehlt hat und in der ersten Woche zurück sofort volles Programm mitmacht, fällt auf. Das hätte ein aufmerksamer Trainer auch so gemerkt – aber bei 22 Spielern merkt man es eben nicht bei allen.
Und im Amateurbereich kommt ein zweiter Faktor dazu, der in keiner Formel steht: Berufsleben, Schichtarbeit, Prüfungsphasen, kleine Kinder. Ein Wellness-Wert am Morgen – Schlaf, Muskelkater, Stress – fängt davon mehr ein als jede Trainingsstatistik.
Was das praktisch bedeutet
Für den Amateurbereich lässt sich das auf drei Dinge eindampfen:
- Frag nach dem Training nach dem Empfinden. Eine Zahl von 1 bis 10, mehr braucht es nicht.
- Achte auf Sprünge, nicht auf absolute Werte. Wer letzte Woche nichts gemacht hat und diese Woche voll dabei ist, braucht ein Auge.
- Nimm die Zahlen als Gesprächsanlass, nicht als Urteil. Ein auffälliger Wert heißt: nachfragen, nicht aussortieren.

Nico Walter