FIFA 11+: Das Aufwärmprogramm, das Verletzungen um ein Drittel senkt
20 Minuten statt Einlaufen und Dehnen – und in Studien rund ein Drittel weniger Verletzungen. Wie FIFA 11+ aufgebaut ist, warum es im Amateurfußball so oft scheitert und wie es trotzdem klappt.
Warum das übliche Aufwärmen nicht schützt
Zwei Runden um den Platz, ein paar Dehnübungen, dann Passen im Kreis: So sieht das Aufwärmen in vielen Amateurmannschaften aus. Der Körper ist danach warm – vor Verletzungen schützt das aber kaum. Die meisten Verletzungen im Fußball entstehen ohne Gegner: beim Abstoppen, Landen, Richtungswechsel oder im Sprint. Was dagegen hilft, sind Kraft, Stabilität und eine saubere Bewegung des Knies unter Belastung.
Genau dafür wurde FIFA 11+ entwickelt: ein vollständiges Aufwärmprogramm, das diese Fähigkeiten nebenbei trainiert. Es stammt vom medizinischen Forschungszentrum der FIFA (F-MARC) zusammen mit dem Oslo Sports Trauma Research Center und ist frei verfügbar – kein Gerät, keine Lizenz, nur Hütchen und ein Platz.
So ist FIFA 11+ aufgebaut
Das Programm dauert etwa 20 Minuten und ersetzt das bisherige Aufwärmen komplett. Es hat drei Teile:
- Teil 1 – Laufübungen (rund 8 Minuten): sechs lockere Läufe zwischen zwei Hütchenreihen, etwa mit Hüfte öffnen und schließen, um den Partner, mit Schulterkontakt im Sprung. Der Körper wird warm, die Gelenke werden auf Richtungswechsel vorbereitet.
- Teil 2 – Kraft, Sprung und Gleichgewicht (rund 10 Minuten): sechs Übungen – Unterarmstütz, Seitstütz, Nordic Hamstrings, Einbeinstand, Kniebeugen und Sprünge. Jede gibt es in drei Stufen, von einfach bis anspruchsvoll.
- Teil 3 – Laufübungen (rund 2 Minuten): Läufe mit höherem Tempo, Sprungläufe und Richtungswechsel mit Täuschung. Danach ist die Mannschaft bereit für das eigentliche Training.
Was die Studien zeigen
FIFA 11+ gehört zu den am besten untersuchten Präventionsprogrammen im Sport. Eine große Studie mit norwegischen Juniorinnen (Soligard und Kollegen, 2008) fand rund ein Drittel weniger Verletzungen und knapp die Hälfte weniger schwere Verletzungen. Eine Übersichtsarbeit über mehrere Studien (Thorborg und Kollegen, 2017) kam auf knapp 40 % weniger Verletzungen bei Mannschaften, die das Programm nutzten.
Besonders deutlich wirkt die Übung, die viele weglassen: Nordic Hamstrings. Regelmäßig gemacht, senkt sie Verletzungen der hinteren Oberschenkelmuskulatur in Studien um mehr als die Hälfte – und genau diese Verletzung ist im Männerfußball die häufigste.
Wichtig für die Einordnung: Die Zahlen stammen aus Studien, in denen das Programm wirklich regelmäßig lief. Und sie gelten für die Mannschaft als Ganzes – einen einzelnen Spieler schützt es nicht vor jeder Verletzung.
Der Haken: Es wirkt nur regelmäßig
Der Nutzen hängt fast vollständig daran, wie oft das Programm läuft. In der Studie von Soligard (2010) hatten Spielerinnen, die es konsequent machten, ein deutlich geringeres Risiko als die, die es nur gelegentlich mitmachten. Als Faustregel gilt: mindestens zweimal pro Woche, besser in jedem Training.
Im Amateurfußball scheitert es selten am Wissen, sondern am Alltag: Die Hälfte der Mannschaft kommt zu spät, der Platz ist nur eine Stunde frei, das Programm fühlt sich nach einigen Wochen eintönig an. Ein paar Dinge helfen:
- Fest einplanen: Die 20 Minuten gehören zum Training, nicht davor. Wer zu spät kommt, steigt einfach ein.
- Einen Spieler verantwortlich machen: Ein Kapitän, der das Programm anleitet, entlastet den Trainer und sorgt für Routine.
- Ausführung vor Tempo: Ein Knie, das bei Kniebeuge oder Landung nach innen kippt, ist genau das, was das Programm abtrainieren soll. Lieber langsam und sauber.
- Nordic Hamstrings nie streichen: Sie sind unbeliebt, weil sie anstrengen – und gerade deshalb wirksam.
Wann ist die nächste Stufe dran?
Nur der zweite Teil hat Stufen, die Laufübungen bleiben gleich. Im Original steigt jeder Spieler für jede Übung einzeln auf, sobald er sie mehrere Einheiten lang sauber und ohne Ausweichbewegung schafft. Im Mannschaftsalltag ist das schwer zu verfolgen. Praktisch bewährt hat sich, die ganze Mannschaft auf eine Stufe zu setzen und Spieler, die eine Übung noch nicht sicher können, dort eine Stufe tiefer arbeiten zu lassen.
Ein brauchbarer Anhaltspunkt für die nächste Stufe: etwa sechs Einheiten auf derselben Stufe – vorausgesetzt, die Ausführung stimmt bei allen Übungen. Wer zu früh steigert, trainiert vor allem Ausweichbewegungen.
FIFA 11+ Kids für 7 bis 13 Jahre
Für Kinder gibt es eine eigene Version mit sieben spielerischen Übungen und fünf Stufen, die etwa 15 Minuten dauert. Statt Kraftübungen stehen dort Gleichgewicht, Fallen, Landen und Körperspannung im Mittelpunkt – Fähigkeiten, die vielen Kindern heute fehlen. Auch hier zeigen Studien (Rössler und Kollegen, 2018) deutlich weniger Verletzungen, rund die Hälfte weniger in den untersuchten Mannschaften.
So bringst du es in deine Mannschaft
Fang mit Stufe 1 an, auch wenn sie leicht wirkt, und plane das Programm für mehrere Wochen fest in jede Einheit ein. Zähl mit, wie oft es tatsächlich läuft – die meisten Trainer überschätzen das.
In Taqticlab lässt sich FIFA 11+ oder FIFA 11+ Kids als Block in den Trainingsplan legen. Am Platz zeigt das Handy die Übungen einzeln im Vollbild, und das Dashboard zählt, ob die Mannschaft auf zwei Einheiten pro Woche kommt.
FIFA 11+ ist ein Programm der FIFA. Taqticlab steht in keiner Verbindung zur FIFA; die Beschreibungen hier sind eigene Zusammenfassungen und ersetzen nicht das offizielle Handbuch.

Nico Walter